Gucken und Anfassen: Von Pöppeln und Krempel

Die Diskussion ist eigentlich so alt wie.. naja, zumindest existiert sie seit den 90ern. Die Frage, ob für ein „richtiges“ oder „gutes“ Rollenspiel überhaupt mehr gebraucht wird als Stift, Papier und Vorstellung, ob gar die Vorstellung allein ausreicht oder ob diverse Hilfsmittel das Spiel bereichern, wurde in den Foren und in den heimischen Runden massig diskutiert. Da wurden Gräben ausgehoben, da wurde gefochten und gekämpft und keine Handbreit Grund wurde freiwillig hergegeben.

Bis vor vielleicht einem Jahr hätte ich an vorderster Front gestanden, um ein Spiel ohne Geraffel zu verteidigen. Das hat sich geändert und selbst sehr erzählerorientierte Spiele als das traditionell geraffelfreie Milieu haben gelegentlich mehr zu bieten als nur Stift, Würfel und ein Charakterblatt. Da denke ich beispielsweise ganz aktuell an Malmsturm und die eigens von Dominik für die RPC hergestellten Fate Punkte:

Quelle: http://malmsturm.de/schicksalpunkte/2011/05/05/fatepunkte/Da also die Liga der Pöppel gerade augenscheinlich Erfolge verzeichnet, kann man die Diskussion ja mal wieder anfachen. Wie gesagt, habe ich erst vor kurzer Zeit den Sinn hinter diversen haptischen Hilfsmitteln begriffen. Bis dahin habe ich nichts davon gebraucht, habe es für Zeitverschwendung gehalten und als dem Rollenspiel abträglich empfunden, Skizzen, Steine, Figuren, Counter, Schicksalspunkte, Karten, Battlemaps und was es noch alles gibt, zu verwenden. Die Gründe sind die altbekannten: Angst davor, dass das Spiel zu einem Tabletop wird, dass die Immersion unter den Spielelementen leidet, dass die Spieler nicht mehr in ihren Charakteren, sondern „auf der Map“ denken. Gespielt habe ich viel Cyberpunk 2020, gelegentlich auch sehr regelarme Sachen wie Wushu oder Spiele wie Feng Shui, manchmal auch ein wenig DSA 3. Und ich habe Kämpfe gehasst. Es gab nichts langweiligeres im Spiel als Kämpfe. Kämpfe waren weder taktisch, noch irgendwie spannend – sie waren Situationen wie jede andere auch, sollten aber von der Erwartungshaltung her Schlüsselelemente, tödliche, fordernde Bedrohungen sein. Waren sie aber nicht. Als Folge davon wurden Kämpfe, wenn ich leitete/litt, extrem reduziert. Das hat allerdings das Problem nicht gelöst, denn die wenigen Kämpfe wurden einfach nur noch langweiliger!

Dann habe ich aus purem Zufall angefangen, Krempel zu benutzen. Der Einstieg dazu war DnD 4, das ich mir eigentlich nur für die Sammlung besorgte. Ich will gar nicht weiter auf das Spiel eingehen, aber als wir es dann spielten war ich der Meinung, dass ich wohl die Battlemap und die Counter ausprobieren muss. Das Ergebnis war verblüffend. Die Kämpfe wurden plötzlich auf einer spielerischen Ebene spannend! Allerdings ohne den gefürchteten Effekt, dass die Spieler nur noch in Tabletop Schienen denken. Stattdessen spielen wir dynamische Kämpfe, die Spieler bringen Ideen ein, sprechen sich ab, wenden Manöver an, die auch abseits der Regeln entstehen, die aber erst durch die klare Aufteilung und Position der Kämpfer überhaupt entstehen. Es werden Ressourcen eingesetzt, seit sie anfassbar sind. Schicksalspunkte zum Beispiel. Nie wieder würde ich die nur aufschreiben, sowas soll vor den Spielern liegen! Unser Spiel wurde bereichert, anstatt reduziert! Wir haben die gleichen Plots wie vorher, Charaktertiefe, Intrigen, große Plots und was alles da war, aber darüber hinaus haben wir Dynamik hinzugewonnen.

Ich kann also bei bestem Gewissen ermutigen, das alles einfach auszuprobieren. Seien es nur ein paar Gummibärchen und Striche auf einem Blatt Papier oder sogar die Battlemap, Glassteinchen, Initiativekarten oder selbstgebastelte Köcher mit Zahnstocherpfeilen, damit der Bogenschütze weiß, wie viel Munition er noch hat. All diese Dinge bereichern das Spiel überraschenderweise ungemein, obwohl ich mir das nie hätte träumen lassen. Und eben gerade auch nicht nur bei den oldschooligen oder gamistischen Sachen, sondern – wie Malmsturm zeigt – auch in der Erzählecke. Man muss nur das passende Zeug finden. Ein weiteres Beispiel wären die gut gemachten Handouts zu Cthulhu. Großartig!

Also: Ja zu Krempel! Ja zum Mut, ihn zu benutzen! Probiert es aus, vielleicht erlebt ihr eine Überraschung!


2 Kommentare on “Gucken und Anfassen: Von Pöppeln und Krempel”

  1. Tarin sagt:

    Wer mag darf das natürlich gern hier oder im RSP Forum diskutieren🙂

    http://forum.rsp-blogs.de/index.php/topic,846.0.html

  2. taschenschieber sagt:

    Unterschlag auch nicht, wie viel Spaß es macht, Bennies / FATE-Punkte / was auch immer bei ihrem Einsatz gekonnt und zielgenau in die Schüssel mit den benutzten FATE-Punkten zu werfen😀


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