Wider der Grafikhurerei in fantastischen Landen

Damn, ich steh drauf, wenn Spiele richtig geil aufgemacht sind. Wenn ich ein Regelwerk an irgendeiner beliebigen Stelle aufschlagen und erstmal „WOW!“ denken kann. Wenn der Ork ein furchteinflößender Uruk-Hai und die Elbendame gephotoshopped ist (oder so). Das geht soweit, dass ich eine zeitlang keine Spiele mehr gekauft habe, die nicht vollfarbig gedruckt und eigentlich auch als Hardcover erschienen. Ich bin damit ja auch nicht alleine. Laut immer mal wiederkehrender Aussagen im Internet (und wir alle wissen, dass das Internet die Wahrheit ist, etwa so wie Fonic) sind anders veröffentlichte Spiele einfach mal eher letztes Jahrtausend und nicht zeitgemäß. Das ganze begann bei mir, als die DnD3.5 gerade neu war. Ich habs nie gespielt, nie verstanden, bin nie damit warm geworden. Aber das PHB habe ich im Regal. Ich weiß auch noch, wie überrascht ich war. Vollfarbe? Mehr als Bleistiftzeichnungen? YEAH!!!! So in etwa war das. Das ganze hat sich irgendwie ausgeweitet auf Videospiele und Brettspiele. Meine persönliche These damals: Durch gute Illustrationen und geiles Artwork kann ich viel besser in die Spielwelt eintauchen.

Vor einiger Zeit habe ich die Reste meiner DSA3 Sammlung angesehen und fand sie grottenhässlich. Überrascht, da doch diese Heftchen für mich so toll waren, schnappte ich mir mein Cthulhu GRW (das erste Spiel nach DSA und wir hatten so viel Spaß. Ich fand das Ding toll aufgemacht). Ich fand es langweilig. Offensichtlich – und diese Erkenntnis traf mich hart – war ich zu einer Rollenspiel-Grafikhure geworden. Bestürzt machte ich mich auf die Suche nach einer Therapie – und spielte erstmal längere Zeit Nethack und ADOM. Wer nicht mitkommt: Das ist Dungeoncrawling und sieht so aus:

Quelle: https://www1.genua.de/dateien/nethack.jpg

Und dabei entdeckte ich, dass meine Annahme zumindest teilweise falsch war. Gutes Artwork hilft tatsächlich, in die Spielwelt einzutauchen. Das gilt für Videospiele wie auch für Pen&Paper RPGs. Gutes Artwork ist aber nicht zwangsläufig gleichzusetzen mit buntem Vollfarbdruck und einer Aufmachung wie ein Sammelkartenspiel. Gutes Artwork passt zum Thema, stört nicht und regt darüber hinaus die eigene Vorstellungkraft an. Wie eben Nethack. Klar ist das nur ASCII. Aber es störte mich nicht und aus dem kleinen „@“ wurde mit der Zeit tatsächlich Belegond der menschliche Krieger. Oder auf diesem Bild eben „Nailor the Aspirant“. Alles nötige ist da, aber mein Kopf muss aus dem ASCII Code noch Gemäuer, Treppen, Monster und mehr machen. Es ist viel mehr wie ein Buch und weniger wie ein Comic.

Nach meiner Therapie am Computer kann ich plötzlich auch andere Sachen im P&P Bereich wieder mehr schätzen. Überraschend, dass ich danach Gefallen an der Old School Geschichte gefunden habe. Vor einem Jahr hätte ich die Spiele nicht einmal ins Regal zurückgestellt, ich hätte sie nicht herausgezogen. Auch Dungeonslayers ist nur schwarz-weiß, glänzt aber mit einem ganz eigenen Stil und Übersichtlichkeit. Es braucht gar keine bunten Bilder auf jeder Seite oder überladene Details auf jeder Rüstung, jeder Waffe, jeder Schuhsohle. Ich kann mir für die genannten Spiele viel besser eigenes Material zusammenstellen, weil ich nicht von einer Eye-Catcher-Illu bei den Charakterklassen plötzlich in eine bestimmte Richtung gedrängt werde. Dennoch sind die Bücher stimmungsvoll. Aber sie bringen eben „Stimmung“ rüber, nicht „Stil“. Den muss man eben für sich selber prägen.

Gut, dass ich Nethack habe. Und an dieser Stelle mache ich nochmal den Aufruf: Blättert in euren alten Lieblingsspielen. Schaut euch auch eine Fanpublikation mit miesen Grafiken mal an. Schaut nicht nur auf die Bilder, sondern darauf, wie sie eingesetzt sind. Ich will ja nicht, dass ab jetzt nur noch s/w im Eigenverlag produziert wird. Aber neben den optischen Perlen gibt es viel zu entdecken und es wäre schade, wenn jemand nicht drauf schaut.

 

Es verbleibt minimalistisch-goblinistisch,

Tarin


One Comment on “Wider der Grafikhurerei in fantastischen Landen”

  1. Falcon sagt:

    Schöne Erkenntnis🙂

    Seit jeder Amateur zu Hause mit dem PC in Nullkommanix hübsche Graphikblender hinbekommt (ähnliches kann man auch im Kino oder Computerspielesektor sehen), ist es umso wichtiger geworden, hinter den Schein auf die tatsächliche Qualität zu schauen.
    Und da sieht es meistens sehr gruselig aus.

    Für viele ist das Ziel sich wegdröhnen zu lassen mittlerweile aber das Oberste, da wird heute man natürlich bedient, wie noch nie. Deswegen gibt es auch so viele aktuelle, bis ins Nirvana gehypte Rollenspielplatzhirsche.


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