Warum Settings durch Hosen schlechter werden

Fantasywelten gibt es wie Sand am Meer. Die großen Settings, die kleinen Settings, dazu Roman- und Videospielwelten, selbsterdachte, mythologisch inspirierte und Crossover Settings, da gibt es nichts, was es nicht gibt. Man findet sich nicht zurecht und wird von einer Flut von Informationen erfasst und hinweggespült, sobald man sich für das Genre zu interessieren beginnt. Wie also die guten von den schlechten Settings trennen? Ganz einfach, es gibt eine Formel, die ich durch Beobachtung erschließen und danach verifizieren konnte. Sie lautet:

„Die Coolness eines Settings verhält sich antiproportional zur Anzahl der Hosen im Setting.“

Schreibt euch das schonmal ein paar hundert mal auf. Direkt unter eure Anti-Railroad Merksätze. Ich komme gleich zur Erklärung. Aber erstmal gibt es Anschauungsmaterial. Da wäre erstmal ein Poster von ’83 zu Frazettas großartigen Film Fire and Ice. In einer wilden Welt voller Gefahren kämpfen zwei gegensätzliche Mächte um die Herrschaft. Wer in dieser Welt überleben will, muss sich mit einem Lendenschurz zufrieden geben. Jeder verdammte Hosenknopf kann den Tod bedeuten, wenn man ihn im falschen Moment zuknöpfen muss. Hier heißt es Mann gegen Mann! Sicherer Tritt im dichtesten Dschungel durch Beinfreiheit. Das wissen die Guten wie die Bösen, die Schergen und die Hauptfiguren. Stehe deinen Mann oder falle.

Wer jetzt meint, ich würde nur barbarische Sword&Sorcery vor Augen haben, der irrt. Ritterliche Tugenden, Edelmut und glanzvolle Zeiten, von denen die Barden singen, bedürfen ebensowenig zweier Stoffschläuche, die sich um die Beine winden. Auch einer der edelsten der Edlen schätzt die warme Sommerluft an seinen Waden. Ihr Damen und Herren – Prinz Eisenherz!

Seine Majestät wie auch der Prinz von Thule begnügen sich mit einer langen Tunika, um ihre Blöße zu verdecken. Und wie viele großartige Geschichten wurden in diesem Universum um Eisenherz und seine Gefährten erzählt? Wie viele Jungen nahmen sich diesen Mann zum Vorbild, um ritterlich und gerecht ihren Lebensweg zu bestreiten?

Dies sind nur Beispiele unter vielen: In Eternia und im Zauberland mag man keine Hosen. Das hyborische Hosenzeitalter? Undenkbar! Und als aventurische Helden noch so aussahen (ich weiß, Tharun. Den Typ hier kennt man aber auch von anderen Boxen), als der Zwerg auf der schwarzen Basis Box noch einen toten Bären um die Hüfte trug, den er vermutlich eigenbeinig mit seinen Schenkeln zu Tode würgte und der Anblick des gebeugten Knies eines Minnesängers noch der Edeldame aus dem Mittelreich die Schamesröte ins Gesicht trieb: Da waren noch Helden in Aventurien, die sich mit beiden nackten Beinen dem Feind entgegenstellte. Man stelle sich vor, wie die Helden Yüces oder sogar Talbots nach schwerem Gefecht in den Keiler eintreten, den Sonnenbrand auf den Oberschenkeln freudig hinnehmen, um einer hübschen Dame in aufreizendem Rock(!) den Platz auf eben jenen Schenkeln anzubieten. Kurz darauf betritt ein neuer „Held“ das Wirtshaus. Die gestandenen Krieger haben nichts für ihn übrig als einen kurzen Blick. Nicht einmal abschätziges Gelächter zieht der Mann mit seiner Hose auf sich und bedient wird er schon gar nicht. So muss er wieder von dannen ziehen und den Spott seiner Umgebung ertragen.

Wundert es jemanden, dass laut dem Tanelorn Thread sich haufenweise Spieler mit der 4.0 von DSA abwandten? Ich denke nicht und hier ist der Grund dafür.

Und jetzt mal zu guter letzt noch ein wenig ernsthafer (nur ein wenig). Je weniger Hosen im Setting vorkommen und durch Röcke, Lendenschurze, Kilts, Mäntel, Gewänder und Kettengeflecht ersetzt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, es mit einer urtümlichen, klareren Welt zu tun zu haben. Wo Abenteuer hinter jeder Ecke lauern und die SC sich zuletzt nur auf sich selbst und ihre engsten Vertrauten verlassen können. Wo der Wille der SC etwas bewegen kann, sie sich mit all ihren Kräften gegen Unbill und Gefahren stellen können und für das, wofür es sich zu leben und sterben lohnt, einstehen können. Und das wiederum – das sind die Settings, in denen man gut rollenspielen kann. Weil die Taten der SC die Welt formen können. Und deshalb verhält es sich mit der Settingcoolness antiproportional zur Hosenanzahl. True Story.

Wisst ihr wer Hosen trägt? Der Typ beim Finanzamt, der euch mit eurem Antrag warten lässt. Wisst ihr, wer keine Hosen trägt? Gandalf.

Also: Gegen den Hosenzwang in der Phantastik und für Beinfreiheit im Kampf gegen Drachen und Monster! Seit wie die Typen oben, nicht wie der Typ hier rechts, wenn ihr rollenspielt!


28 Kommentare on “Warum Settings durch Hosen schlechter werden”

  1. glgnfz sagt:

    Ab nach Cap d’Agde mit dir, alter Nudist!

  2. glgnfz sagt:

    Hosenhasser!

  3. ghoul sagt:

    Genial! Daumen hoch!🙂

  4. taschenschieber sagt:

    Das gilt doch bestenfalls im Fantasysektor. Sind Battletech, das Dresdenverse oder andere SciFi-, Urban Fantasy-, Mantel-und-Degen-Settings etc. scheiße, weil Leute dort Hosen tragen?

    • Tarin sagt:

      Per Definitionem der Formel oben, ja🙂 Aber auch bei SciFi (wenn ich das mal als „mit Raumschiffen“ übersetze) gilt: ObiWan > Kirk und auch Ewok > Jar Jar.
      Sword&Planet schlägt auch Hard SciFi und jeder verdammte hosenlose Küchenjunge schlägt Mantel und Degen (außer coole Mantel und Degen. Die ist aber genau dann cool, wenn die Musketiere nächtens im Schlafrock wen verteidigen müssen oder so. Also hosenlos). Ansonsten ist das natürlich eine Fantasyformel.

  5. Logan sagt:

    Puuh… Da fühle ich mich ja richtig glücklich, dass eines meiner beiden Weltenprojekte ein recht Textilfreies ist. Schwein gehabt!😀
    Auf jeden Fall: Feiner Text und volle Zustimmung!🙂

  6. Volle Zustimmung – und Anmerkung: in „modernen“ Settings ersetzen bzw. verdecken Trenchcoats, Duster, Longcoats, etc. die profanen Hosen und sind daher das Merkmal des jeweils cooleren (Anti-)Helden!

  7. taschenschieber sagt:

    Wer Trenchcoat trägt, ist kein Badass? Oder wie getz?

  8. arnebab sagt:

    Klingt sogar einleuchtend🙂

    Ernsthaft gesehen könnte man auch sagen: Wer Fantasy-Systeme ohne Hosen designt, hat keine Angst, voll auf coolness zu gehen. Und seine eigenen Wünsche der ganzen Welt zu zeigen. Was natürlich auf das Werk zurückwirkt.

    Allerdings muss ich mit einem Beispiel widersprechen: Ein Krieger in Platten-Hose ist auch cool (Vollpanzerung mit Stacheln, usw).

    Vielleicht liegt es auch daran, dass Hosen in einem Fantasy-Setting keine essenzielle Aufgabe erfüllen, nackte Beine aber *zeigen* und Röcke *verhüllen*. Wer also alles für die coolness überflüssige weglassen will, kann bei den Hosen anfangen.

  9. Stefan sagt:

    Hat man euch „antiproportional“ in der Schule beigebracht? Bei uns hieß das noch „umgekehrt propotional“.

    @topic: Grandios. Und nun will ich von dir so ein „politisch unkorrektes“ Setting.

    • Tarin sagt:

      Keine Ahnung, ob Schule oder Uni. Aber Antiproportionalität existiert als Begriff😉
      Das Setting zu schreiben wäre nicht allzu viel Arbeit, aber warum nicht einfach BoL oder so spielen?

      • Stefan sagt:

        Weil ich gern ein orginär deutsches Setting ohne Hosen hätte und nicht irgendeine Übersetzung. Aber vllt. liegt das unserer Nationalität einfach nicht. Das zu betrachten wäre vllt. mal ein Blogeintrag wert, wobei ich da wohl keine Expertise habe.

  10. Tarin sagt:

    @Stefan
    Was würde denn ein originär deutsches, hosenloses Setting ausmachen. Ich könnte mir zwar vorstellen, in einem pseudohistorischen Frühmittelalter voller Magie, Mythologie und finsteren heidnischen Kriegern in den Wäldern zu spielen, aber wäre das deshalb „typisch deutsch“?

    • Stefan sagt:

      Originär deutsch soll bedeuten hier erfunden/entwickelt in meiner Muttersprache verfasst und nicht unbedingt deutschtümelnd. Wenn Einflüsse aus der Heimat auftauchen, ist das um so besser, aber für mich kein Muss.

      Bei dem ganzen darüber Nachdenken über das hier überkommt mich der Drang „Die deutsche Seele“ weiterzulesen.

      Btw. Könntest du oben mal meinen zweiten Kommentar löschen?

      • Tarin sagt:

        Ist geschehen, die Löschung. An sich bin ich mit halbfertigen Settings ausgelastet, wenn ich mal auf Heroic East und Grenzberg schiele. Aber ich stehe gerne brainstormend zur Seite, wenn dich die Lust packt🙂

    • judithvogt sagt:

      Leider hat die coolste badass-Kultur Europas die Hosen erfunden: Die Kelten. Es war ihnen einfach zu frisch um die Lenden, und die Römer haben sich diese Braccae rasch abgeguckt, denn auch ihnen wurde es in den Barbarenlanden kühl😉
      Aber dennoch – ein cooler Artikel. ;)) Völlig hosenlos.

      • Tarin sagt:

        Als sie anfingen, untenrum zu frieren, verloren die Kelten ihren Anspruch auf den Titel der absoluten Badass Kultur. Vorher waren sie es und genau deshalb sind sie vermutlich auch verschwunden. Aber sonst guter Einwand. Wir alle wissen doch, dass Badass Kelten v.a. nackt, hosenlos und voller blauer Schminke kämpften.

  11. versalienmeister sagt:

    Wir – inklusive der Kolonien in Übersee – leben im abendländischen Kulturkreis. Dieser hat schon seit der Antike eine Heldendarstellung in so gut wie allen Kunstformen geprägt, die über die Jahrhunderte immer und immer wieder von Moden emporgespült wurde und nie wirklich vergangen war.

    So gingen die antiken Helden auch schon ziemlch „beinfrei“ herum. Daher ist mir in Bezug auf Heldendarstellung auch der (fast) nackte Mann mit Waffen ein wohlvertrautes Bild.

    Daß man Conan auch gerne halbnackt darstellt, liegt daran, daß unser westlicher Kulturkreis immer noch von diesen antik-griechischen Idealen in der Kunst geprägt ist. – Wären unsere Sword&Sorcery-Helden-Vorlagen Chinesen, dann wäre ein voll bekleideter Held eine Selbstverständlichkeit.

    Die abendländische Heldenfigur ist nun einmal der klassische griechische Held. Theseus, Odisses, Achilles, Perseus usw. – all die Figuren, welche in Skulpturen, Vasenmalerei usw. NACKT oder größtenteils nackt dargestellt wurden.

    Oder warum, meint Ihr, ist Jesus auf dem Kruzifix auch fast nackt dargestellt? – Nicht, weil es „historisch akkurat“ in der Abbildung einer Kreuzigung wäre, sondern weil er ein HELD ist.

    Die Nacktheit macht die VERLETZLICHKEIT des Menschen nur umso offenbarer. Der HELD ist jener, der sich TROTZ seiner Nacktheit, seiner Verletzlichkeit, seiner Sterblichkeit gottgleich zu Höherem aufschwingt, seine sterbliche Hülle transzendiert und zu etwas ÜBERLEBENSGROSSEM wird.

    Wie bildet man solch einen HELDEN in unserer aus der griechischen Antike erwachsenen Kultur ab? – Natürlich (halb-)NACKT! Wie sonst?

  12. Epenschmied sagt:

    Sehr skurril aber doch auch interessant. Als Hintergrundmusik passt zum Lesen sicherlich „We will rock (!) you!“😉

  13. miro sagt:

    Da kann ich ja beruhigt weiter DSA4 zocken, da mein Magier selbstredend eine Robe trägt. Da gibts dann zumindest bei körperlich anstrengenden Aktionen Bein zu sehen. Nagut, drunter sitzen Boxershorts mit Zauerstäben…

    • Tarin sagt:

      Solang du nicht den Gaukler Archetypen mit seiner peinlichen Hose spielst, ist nicht alles verloren😉 Ansonsten gilt: DSA Basis Box Cover werden mit jeder aufsteigenden Edition hosiger, schon weil das Setting immer mehr Anleihen an späteren Epochen nimmt. Aber Gjalskerländer und Trollzacker waren immerhin eine gute Idee.

  14. […] Bilder – ein bisschen als Stellvertreter eines wilderen, rauhbeinigeren Aventuriens. Für das hosenlose, wilde DSA, das niemals so richtig existierte. Aber zurück zum Thema. Die Cover der Trilogie und […]

  15. zeitzeugin sagt:

    Das ist ja ein cooler Artikel! Daumen hoch! Und so einleuchtend!


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