Lasst uns mal über CARCOSA reden

carcosa logo

An Geoffrey McKinneys Carcosa, zuletzt bei LotFP erschienen, scheiden sich ja die Geister. Die Gründe dafür sowie die Stärken und Schwächen dieses Buches möchte ich in diesem Beitrag ganz subjektiv darlegen. Denn bei aller Kritik: Carcosa hat richtig viel Potential, soviel sei gesagt.

Was ist eigentlich „Carcosa“?

Carcosa ist ein Setting, das als Sandbox-Hexcrawl für OSR Spiele präsentiert wird. Geschrieben und herausgebracht wurde es von McKinney schon vor Jahren, für die Zusammenarbeit mit Raggis Verlag dann aber nochmal überarbeitet, erweitert und aufghübscht. Zusammengefasst ist Carcosa ein Weird-Horror-Survival-Science-Fantasy-Setting. Carcosa ist ein weit entfernter Planet, auf dem Magie neben alten Maschinen und Killerroboter neben unaussprechlichen, cthuloiden Schrecken existieren. Carcosa ist dreckig, gemein, grausam, ist Sword&Sorcery, Sword&Planet, Lovecraft, ein anders gemachtes D&D und noch so einiges mehr. Carcosas Magie besteht aus Ritualen – und zwar denjenigen, in denen haufenweise Personen auf diverse grausame Arten und Weisen geopfert werden müssen, um kosmische Schrecken zu beschwören. Man kann zurecht sagen, dass hier auch mal über das Ziel hinausgeschossen wird, dazu aber später mehr. Grob klar, in welche Richtung das Setting geht?

Das Äußere

Carcosa ist abseits aller anderen Dinge ausnehmend hübsch. Es kommt als kunstledergebundenes A5-Hardcover daher. Das Papier der knapp 300 Seiten ist etwas dicker, als ich es von RPG Produkten gewohnt bin. Innen finden sich einige Tuschezeichnungen, das Papier selbst ist leicht gelblich gefärbt. Wichtige Begriffe sind grün gedruckt. Insgesamt will Carcosa an einen klassischen Fantasy-Almanach erinnern, was auch ganz gut gelingt. Ich selber mag diesen reduzierten Stil und ziehe in jederzeit grafisch üppiger bestückten Werken vor, aber das solltet ihr selbst entscheiden. Die einzigen weiteren Farbtupfer finden sich übrigens auf den Innenseiten des Einbands, wo die Hexkarte zu finden ist.

Was man halt so nachmittags in Carcosa tut...

Was man halt so nachmittags in Carcosa tut…

 

Carcosa in seiner ganzen pinken Pracht

Carcosa in seiner ganzen pinken Pracht

Mehr zum Setting

Carcosa wird nur von Menschen bevölkert, genauer von farblich codierten Menschen (Blue Men, Red Men,…). Drei neue Farben ergänzen das bekannte Spektrum, Ulfire, Dolm und Jale. Viel Spaß dabei, sowas zu beschreiben. Ich mag zwar die Idee neuer Farben, da sie so schön in die cthuloiden Inspirationen passt, aber immerhin ist Rollenspiel ein verbales Hobby. Da hat McKinney vielleicht ein wenig zu kurz gedacht. Diese Menschenvölker jedenfalls leben auf einem ziemlich apokalyptischen Planeten in diversen Dörfern und Städten. Sie selbst sind eigentlich nur Züchtungen diverser ehemaliger Bewohner Carcosas und dienen nur dazu, in verschiedenen Ritualen geopfert zu werden. Die alten Rassen sind aber lange weg und so könnte man in Frieden leben, würden nicht immer wieder Monster, Aliens und Killerroboter oder einfach der Wunsch nach persönlicher Macht einen Griff zu alter Magie nötig machen. Solang man diesem Grundprinzip treu bleibt, lässt sich eigentlich ziemlich viel auf Carcosa erleben. Ein roter Zauberer, der mit seinem Gefolge auf dem Weg zu uralten Kavernen ist, um dort ein Ritual durchzuführen? Und die Gruppe reitet auf Sauriern und Riesentausendfüßlern dorthin? Kein Problem. Ebensowenig wie Stadtabenteuer á la Lankhmar, egal ob klassisch oder gespickt mit Servorüstungen und Aliens.

Der „Knackpunkt“ an Carcosa ist allerdings die oftmals explizite Gewaltdarstellung. Wir reden hier nich von dem Töten von Feinden, wie es ja nunmal in quasi allen Fantasy RPGs vorkommt, sondern von der Gewalt, die Unschuldigen, Hilflosen, Kindern, Säuglingen usw. für egoistische Ziele angetan wird, meistens in den schon angesprochenen Ritualen. Da kann der Charakter schon aufgefordert sein, einem Ulfire Baby langsam die Kehle aufzuschneiden und es ausbluten zu lassen, um den niederen Schreckensnebel von XY zu beschwören. Ablehnung und Kritik an diesem Teil Carcosas gibt es zuhauf und sie sind wie gesagt nicht unberechtigt. Ich mag auch nicht einen SC spielen, der sowas tut. Allerdings ist es letztlich jedem selbst überlassen, was er ignoriert und was er bis zu welchem Grad ins Spiel bringt. Carcosa funktioniert auch ohne einen großen Katalog der Grausamkeiten (vielleicht nicht unbedingt ohne Opferungen und wahnsinnige Magier).

Beispiel für typische Carcosa Magie: Das Ritual oben links

Beispiel für typische Carcosa Magie: Das Ritual oben links

Wie gesagt, entscheidet es selbst und überlegt da einfach mal zusammen in der Gruppe, was geht und was nicht. Ich empfehle da, das Buch einfach mal rumgehen zu lassen und drin zu blättern.

Regelmods

Ähm, ja. Die Regelmodifikationen sind erstmal da, aber nicht unbedingt mein Fall. Trefferwürfel wie auch Schadenswürfel haben keine bestimmten Würfeltyp, sondern werden vor jedem Kampf neu per Zufall ausgewählt. Es gibt nur Fighter und Sorcerer, optional noch Specialists/Thieves als verfügbare Klassen, der Sorcerer ist dabei kein Magic-User, sondern arbeitet mit den gerade vorgestellten Ritualen. Mir macht diese Würfelauswahl per Zufall keinen Spaß und ich würde sie weglassen. Aber hey, Optionen sind Optionen. McKinney erklärt, was er damit bezweckt und ich folge ihm nicht, aber immerhin hat er sich Gedanken gemacht.

Layout

Die Hexes (10 Meilen pro Hex) werden jeweils mit zwei Ereignissen beschrieben und verzichten dabei auf große Beschreibungen. Es ist genug, um damit zu arbeiten und sprachlich sehr klar, ohne auf einen leicht dramatischen Stil zu verzichten, was eben settingtypisch ist. Analog zu einem Wörterbuch finden wir  das jeweils oberste Hex einer Seite auch nochmal in der oberen Ecke zum schnellen Durchblättern. Unter den Hexnummern finden sich teils Querverweise in grün zu Ritualen etc., die mit dem jeweiligen Ort in Verbindung stehen. Klar, nützlich, kein überflüssiger Schnickschnack.

Für mich: So brauche ich RPG Supplements. Ich könnte Carcosa vermutlich spontan leiten und sehen, wohin es führt. Besser wird die Session mit ein wenig Vorbereitung, wenn man den Beschreibungen noch ein wenig Fleisch auf die Rippen bringt. Was ich sagen will: Auch, wenn die Gruppe mal ganz woanders hingeht, ist man als SL nicht aufgeschmissen, weil die klare Struktur und die gegebenen Infos nützlich sind und genug Informationen beinhalten, um daraus schnell was basteln zu können.

Eine Seite der Hexbeschreibungen

Eine Seite der Hexbeschreibungen

Weiteres

Carcosa hat zwei Sachen, die ich noch ausdrücklich betonen muss: Einen super Index und ein noch besseres PDF voller Querverweise. Die oben genannten wichtigen, grün gedruckten Textstellen sind im PDF als Links eingebaut und erleichtern es, sofort die entsprechenden Passagen zu finden. Großes Kino! Außerdem gibt es noch einige Baukästen für Roboter, ein paar Tabellen, das übliche eben, wenn man einen Hexcrawl vor sich hat. Hier ist eher „business as usual“ zu finden.

Fazit

Für mich rockt Carcosa ziemlich als eigenständiges Setting oder alptraumhafte Welt, in die ich meine Mutant Future-, LotFP- oder LabLord Gruppe schmeißen kann. Die explizite Gewaltdarstellung ist mir in manchen Teilen zu krass und ich würde sie verändern, weil ich manche Sachen einfach nicht an meinem Tisch haben will. Ist man sich dessen bewusst, kriegt man mit Carcosa aber eine für den Tisch, nicht fürs Bücherregal designte Welt, in der man ziemlich abgedrehte Abenteuer erleben kann und nebenbei eines der schönsten RPG Produkte der letzen Jahre, das auch noch ein wunderbares PDF dabei hat. Sicherlich ist es dabei nicht jedermanns Sache. Spärliche Beschreibungen nach ähnlichen Mustern sind nicht für jeden Stil am Tisch das Richtige, für mich aber schon. Ich hoffe, ihr konntet euch ein Bild von Carcosa machen. Mich interessiert eure Meinung zu diesem Setting übrigens brennend, also her damit in die Kommentare!

Letztlich gibts noch einige interessante Links:

Eine dreiteilige Aufarbeitung von Carcosa mit anderen Völkern und einer Veränderung der Ritualopfer auf Tales from the Grotesque and Dungeonesque:


9 Kommentare on “Lasst uns mal über CARCOSA reden”

  1. Yog slogoth sagt:

    Ich bin ebenfalls Besitzer dieses hübschen Buches und des tollen pdfs und stimme Dir größtenteils zu. Allerdings habe ich bisher noch nie auf Carcosa gespielt… Meine Mitspieler hat es nicht so begeistert und so eine richtig tolle Idee wie man losspielen sollte hatte ich auch nie…
    Nichtsdestotrotz eine Fundgrube für abgefahrene Idee

    • Tarin sagt:

      Der Zauberer, der euch gerade noch Yog-Sototh opfern wollte, liegt tot vor euch, ebenso seine Söldner. Ihr nehmt euch, was ihr brauchen könnt und macht euch auf. Ihr erinnert euch an folgende Orte, durch die ihr kamt oder von denen der Zauberer sprach…“
      Das wäre mein Einstieg🙂 Oder eben als Ausflugsziel für eine abgedrehte D&D Kampagne.

  2. Carcosa ist auf jeden Fall erreichbar von meiner Grautalkampagne…
    Was Ulfire, Dolm und Jale angeht, finde ich die Zitate schon recht aussagekräftig –
    „A Voyage to Arcturus“, in dem die Farben beschrieben werden, kann man übrigens bei gutenberg.org finden.

  3. Tarin sagt:

    Ich habe gerade noch die Settingmods zu Carcosa auf http://talesofthegrotesqueanddungeonesque.blogspot.de/2013/01/carcosa-rehab-i.html mittels der G+ LotFP Community gefunden und in den Beitrag eingefügt. Tolles Zeug!

  4. Logan sagt:

    Ich bin auch in Besitz dieses sehr schicken Büchleins und bin auch totaler Fan von Carcosa, allerdings würde ich das Setting auch etwas modden, um es etwas spielbarer zu machen.

    Die Rituale zum Beispiel sind ja ganz nett, aber irgendwie hat sich ihr Sinn außer der Beschwörung und Bannung irgendwelcher Viecher noch nicht so ganz erschlossen. Daher würde ich für den Zauberer noch einige weitere Zauber mit ins Reportoire aufnehmen: Realms of Crawling Chaos für Labyrinth Lord oder Cthulhu D20 hätten da einiges im Programm, was sehr gut passen würde. Auch diverse Blogs bieten einiges an. Da müsste man halt schon etwas rumfingern, aber es würde gehen. Die originalen Rituale hingegen bieten einige nette Ideen für Plothooks.

    Das Würfelsystem von Carcosa finde ich auch recht umständlich bis dämlich. Allerdings kann man sich auch so auf einen Lieblingswürfel einigen und alle Schadenswürfe und Trefferwürfel mit diesem durchführen…was mir irgendwie auch gut gefällt.

    Das Problem mit Jale, Ulfire und Dolm hatte ich auch bzw. versucht mal einer Naturwissenschaftlerin (Gymnasiallehrerin Bio und Chemie) die Existenz von Farben eines anderen Farbspektrums schmackhaft zu machen… Ich sage nur: Don Quichotte und Windmühlen… In der Hinsicht fände ich „geschreifte“ oder „gescheckte“ Menschen oder einfach komplett neue Rassen ganz praktisch. Nette Ideen gibt es ja bei den Carcosa-Mods oder z.B. bei Planet Algol.

    Genau. Carcosa-Mods! Es gibt sogar einen deutschen T&T-Blog mit einer deutschen Translation: http://craulabesh.wordpress.com/tag/carcosa/
    Das PDF ist, obwohl noch nicht vollständig, schon sehr beeindruckend gemacht und auch mit einigen eigenen Ideen angefüllt.

    Wegen den Einstiegsproblem: Naja, am einfachsten wäre ein Raum-Zeit-Riss. Gerade was z.B. Cthulhu-/D&D-Gruppen angeht geht das ganz gut. Spaßig, wenn auch nicht ganz so ernst zu nehmen ist es dann, wenn diese Raum-Zeit-Risse wirklich multidimensional angelegt sind und plötzlich ein Banker aus NY, ein englischer Kreuzritter, ein spartanischer Krieger und ein Psioniker aus dem 41. Jahrtausend auf Carcosa auftauchen.
    Auch ein Einstieg mit Raum-Zeit-Riss wäre z.B. ein Flugzeugabsturz im Bermudadreieck.
    Ich dachte auch schonmal daran, einen Einstieg ala „Planet der Affen (1968)“ zu machen, in dem ein Raumschiff auf Carcosa notlandet, wobei Carcosa hier eine Version der Erde in einer sehr weit entfernten Zukunft (ich sage da nur „Dying Earth“ von Jack Vance) sein könnte.

    Carcosa bietet echt eine Vielzahl von Möglichkeiten und Auslegungen und die Spannbreite kann da wirklich von Sword & Sorcery ala REHs Hyboria über MAR Barkers Tekumel und Dark Sun bis hin zu Dune oder eben auch schon die oben genannte Dying Earth reichen. Eigentlich ist Carcosa wirklich ein Setting – oder besser eine Initialzündung – in dem man ganz, ganz tief graben kann und immer wieder auf neue Ideen stößt.

    • Tarin sagt:

      Schön, vor dir mal wieder zu hören, Cpt. Cimorra!😀
      Die Magie kann man ja recht einfach tweaken, wobei ich tatsächlich eher in einer Ritualmagie bleiben würde und weniger Spellfire&forget machen würde. RocC und CoC generell bieten da sicherlich gute Ideen, ansonsten kann man auch mal ins großartige Space Age Sorcery http://hereticwerks.blogspot.de/2013/03/space-age-sorcery-updated-version-15.html reinschauen.
      Den Link zu Craulabesh packe ich gleich nochmal in den Beitrag rein. Was ich allerdings noch immer viel zu selten sehe, sind Sitzungsdiaries von Spielrunden auf Carcosa. Vielleicht muss ich selber mal für eine Gelegenheit sorgen und dann eines schreiben. Müsste ich nur erstmal auf Carcosa spielen… bald kommen die Sommerferien. Spielt ihr mit? ^^

  5. Anonymous sagt:

    Ein vorbildlich aufgebautes und einmaliges Hexcrawl-Setting. Leider finde ich die Rituale abstoßend, genauer gesagt: Ich finde den Autor und sein Werk dadurch abstoßend. Die Details, auf die hier Wert gelegt wird, offenbaren eine, wie ich finde, bedenkliche Fixierung.

    (Ich habe vor einiger Zeit mal einen Fachtext zum Thema Pubertät gelesen, in welchem der Autor andauernd von der ‚Geschlechtsreife‘ der Jugendlichen faselte … und zwar so penetrant, dass ich es als ähnlich abstoßend empfunden habe und mich ernsthaft fragte, ob da eine Ferndiagnose Pädophilie angebracht gewesen wäre.)


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